Freitag, 04. August 2017 18:45

Vater fand tote Tochter bei Unfall bei Fichtelberg: Wie die Feuerwehr mit der Tragödie umgeht

Nach dem Unfalltod von zwei jungen Frauen bei Fichtelberg im Landkreis Bayreuth wünschen sich Feuerwehr und die Menschen vor Ort mehr Rücksichtnahme.
Am Mittwochabend war bei einem Verkehrsunfall zwischen Fichtelberg und der Bundesstraße 303 im Landkreis Bayreuth eine 18 Jahre alte Fahrerin in einer Linkskurve von der Straße abgekommen. Die Fahrerin und ihre 28-jährige Beifahrerin starben noch am Unfallort. Ein 16 Jahre altes Mädchen auf der Rückbank wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Foto: Fricke, dpa

von IRMTRAUD FENN-NEBEL
Fichtelberg - Der Anruf bei Kreisbrandrat Hermann Schreck im Nachgang des tödlichen Verkehrsunfalls bei Fichtelberg ist eine der unangenehmen Aufgaben im Alltag eines Journalisten. Weil es um ein sehr persönliches, tragisches Thema geht. Weil man nicht sensationslüstern sein, aber der Information halber trotzdem nachfragen möchte. Schreck reagiert wie befürchtet: "Ich werde langsam stocksauer", sagt er.

Bei dem Unfall im Landkreis Bayreuth war am Mittwochabend eine 18 Jahre alte Frau mit ihrem Auto zwischen Fichtelberg und der Bundesstraße 303 (Landkreis Bayreuth) in einer Linkskurve von der Straße abgekommen. Im Wagen saßen noch eine 28-Jährige und eine 16-Jährige. Das Auto war in einen Graben gerollt, hatte sich überschlagen und war gegen einen Baum geprallt. Die Fahrerin und Beifahrerin starben noch am Unfallort. Ein 16-jähriges Mädchen auf der Rückbank wurde schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht.


Bundesweites Medieninteresse

Besonders tragisch: Eines der Opfer war die Tochter eines Feuerwehrmannes, der mit seinen Kollegen zum Unfallort geeilt war. Das hatte die Feuerwehrführung des Landkreises Bayreuth am Donnerstag bestätigt. Diese persönliche Tragödie sorgte zwischenzeitlich nicht nur in der Region, sondern bundesweit in Printmedien und auf Nachrichten-Onlineportalen für großes Interesse - sehr zum Missfallen des Bayreuther Kreisbrandrates Hermann Schreck.


Anstand verloren

Er kritisiert vor allem eine Bayreuther Tageszeitung. Sie versuchte in einem Gespräch mit einem früheren FFW-Kommandanten aus der Region zu klären, wie es dazu kam, dass der Vater des Unfallopfers vor Ort war. "Was die Bayreuther Zeitung draus gemacht hat, ist grenzwertig", sagt Schreck. "Und beim Verhalten der Bild-Zeitung, die sogar bei den Angehörigen geklingelt hat, verliert man den Glauben an Anstand."


"Jetzt muss es gut sein"

Seines Erachtens gebe es dazu "überhaupt keine Notwendigkeit der weiteren Aussagen". Als Kreisbrandrat steht er seit 2010 und bereits in der zweiten Amtsperiode an der Spitze von etwa 7500 ehrenamtlichen Feuerwehrleuten im Landkreis Bayreuth. Schreck erklärt: "Die Feuerwehr fährt zum Einsatz, arbeitet das ab und dann ist es gut. Wenn Bekannte aus der Familie dabei sind, ist das natürlich schlimm. Aber das hat mit dem Folgeeinsatz nichts zu tun." Ihm seien die ständigen Nachfragen wegen des Vaters, der als Feuerwehrmann seine Tochter bergen musste, mehr als unangenehm. "Ich werde langsam stocksauer", sagt Schreck. "Jetzt muss es gut sein."


Die Feuerwehr kennt vor dem Einsatz natürlich keine Personen

Jürgen Weiß, Fachreferent beim Landesfeuerwehrverband Bayern mit Sitz in München, bestätigt den von Kreisbrandrat Schreck geschilderten Ablauf von Feuerwehreinsätzen. "Jemand ruft unter der 112 bei der Integrierten Leitstelle an und meldet einen Unfall oder Brand. Der Disponent in der Leitstelle fragt nach den genauen Umständen. Dann wählt er entsprechend ein Schlagwort aus, zum Beispiel ,Personen eingeklemmt'. Mit diesen Informationen alarmiert der Disponent die zuständige Feuerwehr." Diese weiß dann, was technisch betrachtet beim Einsatz auf sie wartet, kennt aber natürlich keine Namen oder Personen. "Die Feuerwehr fährt unbelastet zum Einsatz", erklärt Weiß. "Alles Weitere passiert vor Ort. Wenn man bei der Erkundung einen solchen Unglücksfall wie den bei Fichtelberg feststellt, ist das sehr, sehr bedauerlich." Zum Glück kämen diese persönlichen Betroffenheiten nicht so häufig vor - gleichwohl ist es kein Einzelfall, sagt Weiß.


Feuerwehrseelsorge hilft bei der Trauma-Bewältigung

Die Feuerwehrleute werden in dieser Krise nicht allein gelassen. Hanjo von Wietersheim, Beauftragter für Notfallseelsorge der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, erklärt auf Nachfrage dieser Zeitung: "Dieser Fall ist eine schreckliche Tragödie, die sich im Rahmen von Feuerwehr und Rettungsdienst nicht ausschließen lässt. Umso wichtiger ist es, dass die Einsatzkräfte auf solchen traumatischen Stress vorbereitet werden und dass sie gute und bekannte Strukturen haben, um das Unglück zu verarbeiten." Die Notfallseelsorge habe entsprechende Angebote und speziell ausgebildete Mitarbeiter, die sich um die Einsatzkräfte kümmert. "Das läuft dann nicht unter Notfallseelsorge", erklärt Wietersheim. "Die Begleitung von Einsatzkräften ist eine andere Ausbildung. Wir nennen das ,Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen' oder schlicht ,Feuerwehrseelsorge'."


"Das können wir nur gemeinsam durchstehen"

Seelsorge haben jetzt ohne Zweifel alle Betroffenen nötig. Deshalb bittet Christine Schlör, evangelische Pfarrerin in Warmensteinach, um Rücksicht. "Das ist ein Supergau für jede Feuerwehr", sagt sie. "Alle stehen neben sich. Die Opfer kamen aus dem eigenen und dem Nachbarort. Wir brauchen jetzt alle viel Kraft. Das können wir nur gemeinsam durchstehen."

Im März 2014 gab es in der Region einen ähnlichen Fall. In Kirchlauter im Kreis Haßberge mussten die Feuerwehrleute damals den Sohn des Zweiten Kommandanten finden, der selbst in der Feuerwehr war.