Dienstag, 13. Juni 2017 09:31

[Kommentar] Warum die "Rosi" in Bayreuth wiederaufgebaut werden sollte

Das Stadtleben sollte sich nicht den Bedürfnissen von ein paar wenigen Anwohner anpassen müssen. Meint der Autor.
Die Bayreuther Diskothek "Rosenau" am Tag nach dem schweren Großbrand. Foto: Nicolas Armer/ dpa

von MARKUS KLEIN
Bayreuth - "Geschockt" hätten die Anwohner laut Nordbayerischem Kurier reagiert, als die Pläne der Bayreuther Bierbrauerei bekannt wurden, dass die Diskothek "Rosenau" in der Badstraße wiederaufgebaut werden soll.
In der Bayreuther Traditionsdiskothek hatte es im Mai schwer gebrannt.



Rund 20 Hauseigentümer haben gegen den Wiederaufbau unterschrieben. Die Gründe: Pisslachen auf dem Bürgersteig, Schnapsflaschen in den Hecken, vollgekotzte Blumenkübel und natürlich die Lautstärke, vor allem unter der Woche. Das ist nicht schön, man kann den Ärger nachvollziehen. Während meines Studiums in Bamberg habe ich an der Sandstraße gewohnt und kenne alles davon (und noch viel mehr) hautnah.


Nicht erst seit gestern



Allerdings gibt es weder die Sandstraße noch die Rosenau erst seit gestern. In der "Rosi" feierten schon meine Großeltern, seit 1925 hat sie geöffnet. Und nein: Früher war nicht alles besser, die Leute waren nicht gesitteter, auch damals war es laut. Einer der Hauseigentümer meinte, schon vor 20 Jahren seien seine Eltern gegen die Diskothek vorgegangen. Das heißt aber auch: Wer dort wohnt weiß, was dazu gehört; nämlich ein Nachtleben.

Nun war das in der "Rosenau" nicht einmal ein besonders Gutes; jedenfalls nach meinem Geschmack. Wir sind dorthin, weil es eben da war und weil wir hier Gleichaltrige treffen konnten, die nicht auf unserer Schule oder in unserem Sportverein waren, also ohne dass ein Erwachsener zuschaute. Die Musik hätte besser sein können, ebenso die Drinks, die Atmosphäre und, wie mir ein ehemaliger Angestellter berichtete, vor allem die Arbeitsbedingungen. Aber mit der Rosenau verbindet man eben einen großen Teil seiner Jugend in Bayreuth. Auch wenn man selbst nicht mehr hingehen würde, kann man doch der nächsten Generation ihre Erfahrungen gönnen.


Auch Anwohner in der Innenstadt hätten ein Recht auf Ruhe, sagte Martina Groh-Walter, die Betreiberin des Hotels "Lohmühle". Ich sage: Stadtbewohner haben auch ein Recht auf Nachtleben (beziehungsweise auf Leben generell, denn manchen Anwohnern sind ja schon Spiel- und Bolzplätze, Schwimmbäder und Asylunterkünfte zu laut, weil dort Menschen miteinander reden und spielen).

Wollen wir wirklich in einer Stadt leben, in der die Leute nur arbeiten, einkaufen und dann vor dem Bildschirm einschlafen? Und jeden Morgen kommt der Paket-Bote mit neuen Pappschachteln mit Plastik drin. In den umliegenden Städten ist das ja schon sehr weit fortgeschritten: Kulmbach und Forchheim haben schon lange keine richtige Disko zum Tanzen mehr, vor drei Jahren schloss der Bamberger "Morph Club" wegen Sperrstunde und Streit mit den Anwohnern.Dann braucht sich aber keiner wundern, wenn die Jugend wegzieht.

Natürlich gehören Vandalen bestraft, und man könnte zu den Stoßzeiten öfter kontrollieren, vielleicht auf Kosten des Disko-Betreibers. Natürlich sollte so gut es eben geht darauf geachtet werden, dass die Anwohner Schlaf finden. Man kann aber auch selbst etwas tun. Tipp: Ohrenschützer sind nicht teuer und bequem.

Und bei allem Verständnis, liebe Anwohner: Die vergangenen 92 Jahre ging es doch auch, ihr wohnt dort noch, warum muss sich nun das Stadtleben an eure Bedürfnisse anpassen? Immerhin haben auch knapp 500 Bayreuther eine Petition für den Wiederaufbau unterschrieben. Klar wird man älter und ruhebedürftiger. Aber muss sich die Welt um euch drehen? Warum könnt ihr der Bayreuther Jugend nicht ein, zwei Tage in der Woche das Feiern gönnen?

Und das sagt sich zwar leicht als jemand, der nie Hausbesitzer war, aber ich sag es trotzdem: Wenn man es ruhig mag, warum dann in der Innenstadt bleiben? Dort ist es lauter, dazu die Mieten höher. Warum nicht die Wohnungen an Jüngere vermieten, die das aushalten, und selbst aufs Land ziehen? Oder an den Stadtrand; Bayreuth hat genug sehr ruhige Viertel mit guter Anbindung (Birken, Seulbitz, St. Johannis, Laineck, Oberpreuschwitz, Aichig, Storchennest, ...). Lasst der Stadt doch ihr Leben; auch wenn ihr daran nicht mehr teilhaben wollt.