Freitag, 16. Juni 2017 09:59

Cyborgs und andere Zukunftsthemen: In Bayreuth trifft sich die digitale Elite zur DLD-Tagung

Cyborgs, Biotechnologie, 3D-Druck - vieles, was futuristisch klingt, gibt es bereits. Damit befassen sich digitale Pioniere beim DLD Campus in Bayreuth.
Neil Harbisson  Foto: Hector Adalid

von NATALIE SCHALK
Bayreuth - Implantate haben viele Menschen - aber in Neil Harbissons Schädel steckt eine Antenne, mit der er Farben hören kann. Wenn er rot sieht, hört er den Ton f. Sieht er gelb, hört er ein fis. Harbisson ist der erste Mensch, nein: die erste Person, die gewissermaßen offiziell als Cyborg, als Mensch-Maschinen-Wesen, anerkannt wird. Auf seinem Ausweisfoto ist der spanisch-britische Cyborg-Aktivist mit Antenne zu sehen. Sie ist Bestandteil seines Körpers. "Ich nutze keine Technologie, ich bin Technologie", sagt der 32-Jährige. Er kommt am Mittwoch nach Bayreuth, um beim DLD Campus zu erklären, wie die Digitaltechnik sein Leben veränderte.


DLD ist eine Konferenz der Netzwerker

DLD steht für Digital, Life, Design (in etwa: Digital, Leben, Gestalt/ung) und gilt europaweit als eine der wichtigsten Konferenzen für digitale Innovation. Das Format DLD Campus findet heuer zum ersten Mal statt und präsentiert dem Publikum hochkarätige Innovatoren der digitalen Szene. Ziel ist, Forscher und Studenten, Unternehmen und potenzielle Gründer, Entscheider und Politiker zu vernetzen. Sie diskutieren über die digitalen Potenziale in Forschung und Industrie und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen in der Region. Dass mit Bayreuth die zweitkleinste Uni Bayerns dafür ausgewählt wurde, erklärt DLD-Erfinderin Steffi Czerny mit der Innovationskraft des fränkischen Standortes: "Die Uni Bayreuth hat einen tollen Spirit mit herausragenden Wissenschaftlern."


Biofabrikation in Bayreuth

Einer von ihnen ist Thomas Scheibel. Der Bayreuther Professor für Biomaterialien wurde über die Fachwelt hinaus bekannt für seine Forschung zu künstlicher Spinnen-Seide - einem leichten, wasserfesten, formbaren Material, das stark und elastisch ist. Solche Materialien werden beispielsweise in der Medizintechnik eingesetzt. "Digitalisierung hat mit nahezu allen Lebensbereichen etwas zu tun", sagt Scheibel. "In meinem Forschungsbereich birgt sie große Chancen. Die sogenannte Biofabrikation, die Herstellung von gewebeähnlichen 3D-Konstrukten, ist für uns im Moment das Thema." Also jedem Patient ein individuelles Implantat aus dem 3D-Drucker? "Das klingt nach Zukunftsmusik, ist aber mit unserer Forschung und den Entwicklungen bei Digitalisierung und 3D-Druck durchaus denkbar."


Startups und Innovationen aus Franken

Aus der Bayreuther Biomaterialien-Forschung entstand das Startup-Unternehmen Amsilk, der erste industrielle Hersteller synthetischer Seidenmoleküle. Stefan Leible, Präsident der Universität Bayreuth, erklärt, die Universität sei dank einer eigenen "Stabsabteilung für Entrepreneurship & Innovation" eng vernetzt mit Unternehmen - und diese seien in Oberfranken ganz vorne dabei: "Digitalisierung findet nicht nur in den Metropolen statt."
Das ist auch Thema von Alois Kastner-Maresch. Er hat die Bayreuther Softwarefirma Living Logic und mehr als zehn Startups (mit)gegründet und wird bei DLD Campus auch von der Plattform LivingApps berichten. Katharina Wagner, Chefin der Bayreuther Festspiele, beschäftigt sich ebenfalls mit dem Potenzial der Digitalisierung. Beate Merk (CSU), Staatsministerin für Europaangelegenheiten und regionale Beziehungen, wird zum Beispiel über Innovationen in Bayern sprechen. Es geht bei der Tagung darum, dass die technische Entwicklung am Anfang steht. Aber wohin führt sie? Wie weit soll Technologie uns Menschen gestalten, optimieren oder gar programmieren?


Die programmierte Wahrnehmung

Zumindest Cyborg-Aktivist Neil Harbisson hat dazu einen klaren Standpunkt. "Technologie ist vom Menschen gemacht", sagt er. "Wenn wir unsere Körper mit etwas vom Menschen gemachten modifizieren, macht uns das menschlicher." Er wurde mit einer Krankheit geboren, die ihn nur schwarz, grau und weiß wahrnehmen ließ - bis er sich vor über zehn Jahren der Operation unterzog, die ihn über die implantierte Antenne Farben hören lässt. Die Verbindung elektronischer Komponenten mit dem menschlichen Gehirn produziert eine Wahrnehmung von Realität, die anders ist. Es ist die Realität eines Cyborgs.

Interview mit Sigrun Albert, Geschäftsführerin Digital der Mediengruppe Oberfranken: Digitale Strategie: "Wachstum, nicht sofortige Profitabilität"




 


DLD Campus in Bayreuth

Veranstaltung DLD Campus kommt am Mittwoch, 21. Juni, an die Uni Bayreuth (9 bis 18 Uhr, anschließend After-Party)

Mehr Infos Das gesamte Programm und Tickets (die Preise sind gestaffelt) gibt's unter: www.dld.co/dldcampus17